Marc’s Geschichte

Schnellzugriffe

Hallo, ich freue mich, dass Du Dich für meine Geschichte interessierst.
Ich hoffe, dass Du aus dieser Geschichte etwas für Dich selbst mitnehmen kannst.

Symptome

Meine Symptome sind sehr unterschiedlich und die Liste wäre zu lang, um sie alle aufzuzählen. Die größten Probleme habe ich mit meinem Magen, meinem Darm und meiner Blase. Ich stehe nachts oft mehrmals auf, um zur Toilette zu gehen, oder ich bekomme Tinnitus, der mich wach hält. Auch Müdigkeit ist für mich ein schwieriges Symptom.

Meine Symptome treten fast immer einzeln auf, aber es fühlt sich so an, als würde sofort ein neues Symptom auftauchen, sobald ich ein anderes einigermaßen im Griff habe..

Der Beginn der Symptome

Es ist mir unmöglich, einen einzelnen Auslöser für meine Symptome zu benennen.
Seit ich etwa zwölf Jahre alt bin, habe ich jedes Mal Kopfschmerzen bekommen, wenn ich joggen gegangen bin. Mit vierzehn Jahren haben dann Schulterschmerzen begonnen, die ohne erkennbares Muster gekommen und wieder verschwunden sind.

Meine heutigen Symptome haben in meinem letzten Schuljahr begonnen. Ich saß eines Tages im Unterricht und habe plötzlich ein ungewöhnliches Druckgefühl im Beckenbereich gespürt. Dieses Gefühl kam wie aus dem Nichts und hat mich sehr unruhig gemacht, so als müsste ich dringend auf die Toilette. Am nächsten Tag bin ich zum Arzt gegangen, wo man Untersuchungen auf eine Infektion gemacht hat. Der Abstrich war positiv, und ich habe Antibiotika bekommen. Die Antibiotika haben das Problem jedoch nicht gelöst.
Das Druckgefühl hat sich zu Schmerzen im Penis entwickelt. Von da an haben sich die Beschwerden abgewechselt: Wenn das eine Problem da war, war das andere weg, und umgekehrt. Es ist mir schwergefallen, mich zu konzentrieren oder längere Zeit ruhig zu sitzen.
Außerdem hatte ich ständig das Gefühl, auf die Toilette zu müssen. Dieses Problem hat mich durch mein gesamtes letztes Schuljahr begleitet.

Medizinische Untersuchungen und Medikamente

In den letzten fünf Jahren habe ich sehr viele weitere medizinische Untersuchungen und Tests gemacht. Nichts davon hat ein klares Ergebnis gebracht. Entweder waren die körperlichen Untersuchungen ohne krankhaften Befund, oder es wurde etwas Unspezifisches festgestellt.
Zum Beispiel: die Augen sind gereizt, die Nase ist gereizt oder es ist zu viel Luft im Magen-Darm-Trakt.

Medikamente haben mir nur bei Kopfschmerzen oder Gelenkschmerzen- meist Schulterschmerzen- geholfen. Wenn ich ein Schmerzmittel genommen habe, sind diese Schmerzen nach kurzer Zeit verschwunden. Alle anderen Medikamente gegen die übrigen Symptome haben bisher keine Wirkung gezeigt.

Meine Kindheit und meine Angst

Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass meine Symptome zu einem großen Teil mit Angst zusammenhängen. Schon seit meiner Kindheit bin ich schüchtern gewesen und unter vielen Menschen sein zu müssen hat mir immer Angst eingejagt. Zudem habe ich, seit ich denken kann, meine Gefühle immer für mich behalten. Ich habe erlebt, dass viele Gefühle von anderen als etwas Negatives betrachtet werden, wenn sie ausgesprochen werden. Das hat dazu geführt, dass ich mich schlechter gefühlt habe und oft auch schuldig. Ich habe mich oft gefragt: Was bringt es überhaupt, anderen meine schwierigen Gefühle zu zeigen? Meine Erfahrung war, dass viele Menschen darauf negativ reagieren, und dass ich danach mehr leide, als wenn ich meine Gefühle gar nicht gezeigt hätte.

In den letzten Jahren am Gymnasium bin ich immer ängstlicher geworden, was meine schulischen Leistungen angeht. Ich hatte große Angst davor, zu versagen oder bloßgestellt zu werden. Im Jahr 2016 hatte ich als 17-jähriger Jahre eine depressive Phase, wegen der ich ein Jahr Pause von der Schule machen musste. Trotzdem wollte ich unbedingt mein Abitur machen, um später studieren zu können. Als ich wieder in die Schule zurückgekommen bin, habe ich mich in den Pausen unwohl gefühlt, weil ich niemanden aus dem Jahrgang richtig kannte. Ich habe mir daher angewöhnt, in den Pausen auf die Toilette zu gehen, um nicht alleine herumzustehen.

In meinem letzten Schuljahr 2018, als sich die Symptome entwickelt haben, habe ich kaum noch Sport gemacht oder andere Dinge, die mir Spaß gemacht haben. Ich hatte das Gefühl, ich müsse unbedingt fleißig sein und habe fast meine ganze Zeit sitzend beim Lernen verbracht. Auch wenn ich Symptome hatte, habe ich mich durchgequält und weitergearbeitet.

Meine Behandlungserfahrungen

Ich habe sowohl stationäre als auch ambulante Behandlungen wegen funktioneller Körpersymptome gemacht. Meine stationäre Therapie hat 2020 in der psychosomatischen Abteilung eines großen Universitätsklinikums in Hamburg stattgefunden.

Der Tag in der Klinik dauerte von 7.15 Uhr bis 18.30 Uhr. Je nach Wochentag gab es unterschiedliche Pausen. Der Behandlungsplan hat folgende Angebote umfasst:
Sportgruppe, Einzelgespräche, Kunsttherapie, Achtsamkeit, ärztliche Untersuchungen, Depressionsgruppe, Yoga, Atemtherapie, eine Gesprächsgruppe, in der Sorgen ausgesprochen und reflektiert werden konnten, Physiotherapie, soziales Kompetenztraining und PMR (progressive Muskelentspannung).

Die meisten Therapien haben Spaß gemacht und sind interessant gewesen. Direkt nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus war ich überzeugt, dass ich mit den erlernten „Werkzeugen“ meine Symptome reduzieren oder sogar ganz verschwinden lassen könnte.
Drei Jahre später hat sich leider gezeigt, dass es doch nicht ganz so ging, wie ich gehofft hatte.

Besonders gut gefallen haben mir alle sportlichen Therapieangebote. Sport ist mir immer sehr wichtig gewesen, weil ich mich ganz auf den Sport konzentrieren und dabei alles andere ausblenden konnte. Die Atemtherapie habe ich spannend gefunden, weil ich dabei meine Nervosität mit bestimmten Atemrhythmen in angespannten Situationen gut regulieren konnte, zum Beispiel vor Klassenarbeiten.

Kunsttherapie und die progressive Muskelentspannung haben mir dagegen nicht geholfen. Ich persönlich kann weder körperliche noch emotionale Empfindungen gut durch Kunst ausdrücken. Bei der progressiven Muskelentspannung habe ich es wegen meiner Symptomen nicht geschafft, einzelne Körperteile erst anzuspannen und dann zu entspannen. Mein Körper war so unruhig und zittrig, dass ich aufstehen und mich bewegen musste, weil ich einfach nicht mehr sitzen konnte.

Das mit Abstand Positivste an der stationären Behandlung war die familiäre Atmosphäre auf unserer Station. Meine Mitpatientinnen und Mitpatienten haben alles dafür getan, dass es uns trotz der schwierigen Situation so gut wie möglich ging. Dabei sind auch neue Freundschaften entstanden.

Was ich gelernt habe

Auch wenn mich diese Behandlungen noch nicht von meinen Symptomen befreit haben, habe ich viele Dinge für meinen Alltag mitnehmen können. Besonders positiv hervorheben möchte ich das Sozialkompetenztraining. Dort haben wir oft Alltagssituationen in Rollenspielen geübt, um uns darin sicherer zu fühlen. Seit meiner Schulzeit habe ich Angst vor bestimmten Alltagssituationen, weil ich mich vor anderen blamieren könnte. Durch das Sozialkompetenztraining bin ich darin tatsächlich besser geworden.

Ich konnte auch einige positive Dinge aus der Verhaltenstherapie mitnehmen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Stressmodell kennengelernt und habe es als sehr hilfreich empfunden. In einigen Situationen habe ich es auch anwenden können.

Wenn ich früher zum Beispiel beim Einkaufen an der Kasse stand, habe ich mich immer gestresst, alles so schnell wie möglich in meinen Rucksack zu packen, weil ich Angst vor dummen Bemerkungen und Kommentaren der Leute hatte, die hinter mir in der Schlange standen. Heute halte ich diesen Druck besser aus, meistens passiert ja nichts Schlimmes. Und falls doch ein dummer Kommentar kommt, habe ich heute passende Antworten parat.

Es gibt noch etwas anderes, das ich gelernt habe. Es hört sich sehr einfach an, aber ist für mich schwer. Und zwar, dass es in Ordnung ist, nicht immer für jeden erreichbar zu sein. Ich darf mein Handy ausschalten und mich auf andere Dinge konzentrieren. Wenn ich einen Anruf verpasse, kann ich später zurückrufen.

Es gibt auch ganz konkrete Dinge, von denen ich gemerkt habe, dass sie mir bei den Symptomen helfen. Regengeräusche helfen mir, meine Aufmerksamkeit vom Tinnitus wegzulenken. Eine Wärmflasche hilft bei Schmerzen. Gespräche mit anderen Menschen können die Symptome oft für eine gewisse Zeit lindern. Es ist wirklich wichtig, ein soziales Netzwerk zu haben, das einen versteht und unterstützt (auch wenn ich weiß, dass man darauf nicht immer Einfluss hat).

Mich selbst akzeptieren

Ein weiterer Punkt, der einfach klingt, sich gedanklich aber nur schwer fassen lässt, ist folgender: Mich macht weit mehr aus, als meine Symptome, auch wenn es sich im Moment nicht so anfühlt. Es ist leicht, sich selbst schlechtzumachen und sich wegen der Symptome als minderwertigen Mensch zu sehen. Ich weiß, dass das nicht stimmt. Trotzdem muss ich bewusst darauf achten, nicht in solche Gedankenmuster zu geraten, besonders wenn die Symptome stark sind und ich wenig dagegen tun kann.

Ich versuche heute, die Symptome zu akzeptieren. Ich konzentriere mich nicht mehr so stark darauf, herauszufinden, warum ich Symptome habe, sondern versuche stattdessen, mein Leben weiterzuleben und Dinge zu tun, die mir guttun. Dabei die richtige Balance zu finden, ist nicht immer einfach. Ich versuche, auf meinen Körper zu hören und zu verstehen, was er von mir braucht. Zum Beispiel, mir mehr Ruhe zu gönnen, wenn ich müde bin.

Ich wünsche Dir auf Deinem Weg alles Gute. Bleib stark.

Warum hilft Akzeptanz?