Der Begriff „Iatrogenese“ stammt von den griechischen Wörtern iatros (Arzt) und genesis ( Ursprung). Der Begriff wird meist für negative gesundheitliche Folgen verwendet, die durch die Gesundheitsversorgung selbst verursacht werden.
Wenn Menschen mit funktionellen Symptomen ins Gesundheitssystem kommen, sind sie nachweislich einem besonderen Risiko iatrogener Schäden ausgesetzt. Es gibt verschiedene Arten, wie die Gesundheitsversorgung mehr schaden als nutzen kann:
Schäden durch Überdiagnostik oder unangemessene Behandlungen
Es ist vollkommen natürlich und klar , dass Du alles für Deine Gesundheit tun willst.
Viele Menschen hoffen, dass mehr Tests oder Behandlungen auch zu besseren Ergebnissen führen.
Aber häufigere Inanspruchnahme des Gesundheitssystems bedeutet nicht immer eine bessere Gesundheitsversorgung.
Manchmal werden Tests oder Behandlungen aus Angst (des Patienten oder des behandelnden Teams), aus einem Missverständnis darüber, was bei funktionellen Symptomen tatsächlich hilft, oder einfach aus der Überzeugung heraus, dass irgendetwas getan werden muss, durchgeführt.
Der Versuch, „alles Mögliche“ zu tun, kann manchmal mehr schaden als nützen.
Die Wahrheit ist, dass jeder medizinische Eingriff – selbst ein kleiner – gewisse Risiken birgt . Und bei funktionellen Symptomen können Dinge wie Operationen oder andere invasive Behandlungen die Symptome sogar verschlimmern, anstatt sie zu verbessern.
Ein Beispiel dafür findest Du in Aimee’s Geschichte.
Das Gefühl, selbst das Problem zu sein.
Am besten ist es, wenn Du darauf vertrauen kannst, dass Dein Behandlungsteam Dein Bestes im Sinn hat. Aber das ist nicht immer so. Viele Menschen sind gezwungen, sich im Gesundheitswesen in einer Atmosphäre von Misstrauen zurechtzufinden.
Das kann passieren, wenn Ärzte sich unter Druck gesetzt fühlen und Dir nicht die Hilfe bieten können, die Du bräuchtest. Fachpersonen im Gesundheitswesen möchten sich nützlich und hilfreich fühlen. Wenn ihnen das nicht gelingt, kann es sein, dass sie sich deswegen schlecht fühlen und dass diese unangenehmen Gefühle die Beziehung zwischen Euch beeinträchtigen. Vielleicht gehst Du dann mit dem Gefühl nach Hause, dass Du selbst Schuld bist oder dass Du etwas falsch gemacht hast , ohne wirklich zu verstehen, warum.
Leider erleben Menschen mit funktionellen Symptomen auch häufig Stigmatisierung, da manche Gesundheitsfachpersonen noch veraltete, negative Vorstellungen über funktionelle Störungen und die Menschen , die mit ihnen kämpfen, haben.
Solch ein Stigma kann sich in der klinischen Praxis ganz unterschiedlich zeigen (z. B. Ausgrenzung, Verleugnung, fehlende Erklärungen, Verharmlosung, Grenzüberschreitungen oder unangemessenes Psychologisieren).
Dieses Stigma kann ausgeprägter sein, wenn du eine Frau bist, eher jünger oder eher älter bist, Schwierigkeiten mit Deiner psychischen Gesundheit hast oder finanziell beziehungsweise mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen hast – also zu Gruppen gehörst, die ohnehin von Ausgrenzung betroffen sind.
Ein Beispiel dafür findest Du in Ava’s Geschichte
Diese Stigmatisierung kann sich auch auf systemischer Ebene auswirken.
Das Stigma, dass funktionelle Störungen „keine echten medizinischen Erkrankungen“ sind, verhindert, dass medizinisches Fachpersonal eine angemessene Ausbildung in der Erklärung und Behandlung dieser Erkrankungen erhält. Diese Sichtweise behindert auch die Finanzierung für Forschung, und kann ein Grund dafür sein, dass es so wenige spezialisierte Angebote für Menschen mit diesen Erkrankungen gibt.
Die Folgen fehlender Erklärungen
Es ist bekannt, dass funktionelle Symptome besser werden, wenn Patientinnen und Patienten sich von ihrem Behandlungsteam verstanden fühlen und eine Erklärung erhalten, die für sie sinnvoll ist.
Allerdings lernen die Angehörigen von Gesundheitsberufen in ihrer Ausbildung nicht immer genug über den Umgang mit funktionellen Symptomen.
Darüber hinaus kann die Art und Weise, wie die Kliniken organisiert sind, es schwierig machen, das „große Ganze“ zu sehen und hilfreiche Erklärungsmodelle zu vermitteln. Funktionelle Symptome sind komplex und lassen sich in kurzen Terminen nur schwer einschätzen und erst recht nicht erklären.
Infolgedessen verlassen viele Menschen den Arzt/die Ärztin ohne klare Erklärungen darüber bekommen zu haben, was in ihrem Körper vor sich geht und die Symptome verursacht, und ebenfalls ohne zu wissen, wie es weitergeht.
Das kann dazu führen, dass sich Deine Symptome wie ein einziges und ungelöstes Rätsel anfühlen. Kombiniert man das mit ein wenig Sorge oder Angst, steckt man schnell in einer Schleife fest – und wartet darauf, dass Dr. House auftaucht und eine seltene und schreckliche Erkrankung diagnostiziert.
Das macht es außerdem sehr schwierig, das eigene Leben zu planen und die Situation gegenüber Freunden, Familie, Arbeitgebern oder dem sozialen Umfeld zu erklären.
Ein Beispiel dafür findest Du in Terence’s Geschichte.
Der Schaden von Diagnosen, die man Dir stellt
Eine Diagnose kann sich anfangs wie eine Erleichterung anfühlen, aber sie ist mehr als nur eine (simple) Bezeichnung einer Erkrankung. Eine Diagnose beeinflusst auch , wie Menschen sich selbst verstehen und wie sie gesehen werden.
Wenn ein Arzt/eine Ärztin eine Diagnose stellt, wirkt sich das auf die betroffene Person aus. Oft beginnen Menschen- bewusst oder unbewusst- ihre Identität zu überdenken und ihre Lebenspläne neu zu sortieren.
Wenn Diagnosen passend und notwendig sind, kann dieser Identitätswandel hilfreich sein.
Allerdings muss der Nutzen gegen die Nachteile abgewogen werden, die das Sammeln unpassender (Neben)Diagnosen mit sich bringt. Jedes neue „Label“ kann Dich auch belasten und Deine Vorstellungen von Deiner Zukunft unnötig einschränken.
Nebenwirkungen von Medikamenten
Menschen mit funktionellen Störungen nehmen manchmal eine Vielzahl von Medikamenten ein. Das nennt man Polypharmazie.
Polypharmazie kann aus dem Wunsch von Ärzten/Patienten entstehen, alle möglichen Behandlungen auszuprobieren , selbst wenn es wenig Hinweise dafür gibt, dass die Medikamente wirklich helfen.
Es ist oft einfacher oder befriedigender, ein neues Medikament zu beginnen, als eines wieder abzusetzen, das nicht wirkt. Das führt dazu, dass die Medikamentenlisten mit der Zeit immer länger werden!
Wir wissen nicht immer, wie sich verschiedene Medikamente gegenseitig beeinflussen, insbesondere wenn sie zusammen eingenommen werden. Ausserdem können Menschen mit funktionellen Symptomen besonders empfindlich mit Nebenwirkungen reagieren.
Noch unübersichtlicher wird es, wenn neue Symptome auftreten. Manchmal werden die Nebenwirkungen von Medikamenten fälschlicherweise für einen Teil der funktionellen Störung gehalten. Das ist ein Beispiel für diagnostische Überlagerung – wenn alles auf die ursprüngliche Diagnose geschoben wird und andere Ursachen übersehen werden.
Der Schaden diagnostischer Überlagerung
Diagnostische Überlagerung bedeutet, dass du eine Diagnose erhalten hast und das Behandlungsteam all Deine Probleme nur noch darauf zurückführt.
Das kann besonders Menschen mit chronischen Erkrankungen, psychischen Erkrankungen oder funktionellen Störungen passieren.
Obwohl die Überlagerung von Diagnosen kein Problem ist, das Du selbst verursachst, kannst du helfen, indem du klar sagst, wenn du glaubst, dass ein neues Symptom oder Gesundheitsproblem nichts mit früheren Diagnosen zu tun hat. Es ist wichtig, für Dich selbst einzustehen. Wenn jemand Dir nicht zuhört oder Dich nicht ernst nimmt, gib nicht auf – suche jemanden, der Dir zuhört, oder nimm eine unterstützende Person mit.
Frustration durch fragmentierte Versorgung (durch die Maschen des Netzes fallen)
Moderne Gesundheitssysteme sind in Fachgebiete aufgeteilt, die sich jeweils mit den Erkrankungen eines einzelnen Organsystems befassen.
Funktionelle Symptome betreffen jedoch oft mehrere Organsysteme. Die derzeitigen Praktiken in Bezug darauf, wer für die Behandlung von Menschen mit funktionellen Symptomen zuständig ist, unterscheiden sich stark zwischen Gesundheitssystemen – und sogar innerhalb eines Systems.
Vielerorts gibt es keine spezialisierten Angebote für die Behandlung von funktionellen Störungen, und selbst innerhalb eines einzigen Krankenhauses kann es sehr unterschiedliche Haltungen und Abläufe geben.
Patienten werden oft zwischen verschiedenen Abteilungen hin- und hergeschoben oder von einer Stelle zur nächsten überwiesen, ohne dass klar ist, wer für sie zuständig ist und warum. So entsteht ein Schwebezustand, in dem man viele verschiedene Untersuchungen durchläuft, aber kaum hilfreiche Antworten, eine passende Behandlung oder anderweitig Unterstützung erhält.
Es gibt sogar Menschen, die vermuten, dass die Struktur westlicher Gesundheitssysteme das Fortbestehen von Symptomen begünstigt.

