Als Reaktion darauf wenden wir uns oft an Medizin und Wissenschaft, in der Hoffnung, dass sie uns Klarheit darüber geben, was als nächstes kommt. Doch manchmal sind die Ursachen und die Art der Symptome von einer Ungewissheit begleitet, die sich durch medizinischen Tests und Diagnosen nicht einfach beseitigen lässt.
Die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse bei einem Individuum birgt eine gewisse Unsicherheit
In Wirklichkeit ist die gesamte Medizin mit Unsicherheit behaftet. Tests können falsch-positive und falsch-negative Ergebnisse zeigen, und es gibt immer eine beträchtliche Anzahl von Menschen, für die Standardbehandlungen nicht die richtige Wahl sind.
Auch wenn medizinische Behandlungen immer individueller werden, bleibt jeder Körper und jede Situation einzigartig, und eine vollständige Gewissheit darüber, was jetzt passiert – oder was in Zukunft passieren wird – ist selten möglich.
Das gilt zwar für die gesamte Medizin, aber funktionelle Symptome weisen ein besonders hohe Unsicherheit auf. Bei funktionellen Störungen sind die Ergebnisse der medizinischen Wissenschaft oft äußerst uneindeutig. Es gibt vielleicht keinen Bluttest, keinen Scan oder Biomarker, der definitiv erklärt, was im Körper vor sich geht.
Ungewissheit teilen
Aus diesem Grund fühlen sich einige Angehörige der Gesundheitsberufe vielleicht unwohl, wenn sie über funktionelle Symptome sprechen. Doch die Ungewissheit lässt sich oft besser ertragen, wenn wir uns auf eine wahrscheinliche Erklärung und einen gemeinsamen Weg nach vorn einigen können. Klare Diagnosen und definitive Testergebnisse sind nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein soziales Hilfsmittel, das es allen – Patienten, Fachleuten und Familien – ermöglicht, sich darüber zu verständigen, was vor sich geht. Schon dieses gemeinsame Verständnis kann Erleichterung bringen.
Bei funktionellen somatischen Symptomen kann es schwierig sein, dieses gemeinsame Verständnis zu erreichen.
Verschiedene Fachleute können unterschiedliche Erklärungen oder Ratschläge geben. Ohne eindeutige Testergebnisse kann es schwierig sein, das Verständnis nicht nur innerhalb des Gesundheitswesens, sondern auch bei Familie, Freunden und Arbeitgebern zu schaffen. Die Ungewissheit kann sich wie eine Last anfühlen, die Du allein tragen musst.
Ungewissheit innerhalb etablierter Wissensrahmen
Wenn wir versuchen, eine Krankheit zu verstehen, müssen wir die bestmöglichen verfügbaren Informationen zusammentragen und die Ansätze ausprobieren, die am ehesten zu helfen scheinen.
Dieser Prozess ist immer mit einer gewissen Unsicherheit verbunden, unabhängig von der Diagnose.
Funktionelle Symptome können sich jedoch besonders schwierig anfühlen, vielleicht auch deshalb, weil sie unsere üblichen Vorstellungen von Krankheit in Frage stellen.
Nimm Depressionen als Beispiel. In vielen Fällen wissen wir nicht ganz genau, was die Depression verursacht. Sie entsteht durch ein komplexes, höchst individuelles Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren. Die Symptome verlaufen schwankend, und die Prognose ist sehr unterschiedlich. Die Diagnose einer Depression sagt oft wenig darüber aus, wie lange sie andauern wird oder welche Behandlungen den Betroffenen helfen können.
In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Depression nicht so sehr von funktionellen Störungen. Und doch fällt es uns als Gesellschaft nicht so schwer, ein gemeinsames Verständnis für diese Krankheit zu entwickeln.
Ein Grund dafür könnte sein, dass Depressionen in einen vertrauten Rahmen der westlichen Kultur passen: die Trennung von Körper und Geist. Wir neigen dazu, Depressionen als Geisteskrankheit zu verstehen. Wenn jemand nach einer großen Belastung im Leben depressiv wird, akzeptieren wir diese Erklärung ohne weiteres. Wir brauchen keinen Scan oder Bluttest, um das Leid Betroffener zu bestätigen. Wir sehen die Anzeichen einer Depression in ihrem Leiden und Verhalten und reagieren mit Mitgefühl und Unterstützung.
Unser eingeschränkter Rahmen für das Verständnis von körperlichen Krankheiten legt folgende Annahmen zugrunde: Wir erwarten, dass wir ein lokales Problem im Körper finden, das das Symptom erklärt. Solche Annahmen beruhen oft auf Erklärungsmodellen wie für Infektionen oder Krebs, bei denen eine eindeutige biologische Ursache identifiziert werden kann.
Funktionelle Symptome lassen sich in keine der beiden Kategorien einordnen. Sie sind weder eindeutig „psychisch“ noch passen sie zu den Annahmen, die wir von „körperlichen“ Krankheiten haben. Da sie zwischen Soma und Psyche fallen, stellen funktionelle Symptome das sprachliche Konstrukt dieser Trennung in Frage. In diesem Zusammenhang stellen sie auf der Systemebene auch die Organisation des Gesundheitswesens und die Gestaltung und Finanzierung von Forschung in Frage.
Ein rationaler, pragmatischer Ansatz zum Verständnis von Symptomen
Obwohl es keine eindeutigen Biomarker gibt, haben wir Möglichkeiten, funktionelle Symptome zu verstehen.
Wenn wir über den Tellerrand hinausblicken und ein breiteres Spektrum an Hinweisen und Erfahrungen heranziehen, erkennen wir, auf welch es hilfreiches Wissen, wir schon zurückgreifen können.
Gleichzeitig müssen wir immer bedenken, dass Wissen aus einem bestimmten Kontext- zum Beispiel innerhalb experimenteller Forschung oder durch die Erfahrungen anderer generiert – möglicherweise nicht exakt auf unsere eigene Situation übertragbar ist. Wir müssen daher, unsere Theorien immer in der Praxis überprüfen, und wir müssen bereit sein, offen zu bleiben .